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Offener Brief an Frau Dr. Annette Schavan

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Sehr geehrte Frau Dr. Annette Schavan,

schon als vor einigen Wochen an die Medien Informationen „durchgestochen“ wurden, die eigentlich noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, keimte der Gedanke auf, dass Sie Opfer einer Hetzkampagne im Hinblick auf die Wahlkampfschlacht 2013 sein würden.

Doch nachdem nun in polemischen Sätzen Ihre Doktorarbeit in der Öffentlichkeit zerrissen wurde und man sogar auf ein 2. Gutachten zu Ihrer Arbeit verzichten wolle, wird das Ausmaß dieser Kampagne überdeutlich.

Gilt in unserer Mediengesellschaft eigentlich noch die Unschuldsvermutung? Leben wir noch in einem Staat, in dem man sich selbst verteidigen darf? Ihre ruhige und gelassene Art auf diese Information über (oder an?) Sie auf der anderen Seite der Weltkugel zu reagieren, ist wohl die in dieser schwierigen Situation angebrachte: nämlich Ihr Recht auf Klage gegen diese Entscheidung.

Macht es sich eine Universität nicht etwas einfach, wenn Sie dem Doktoranden alle Schuld zuschiebt? Schließlich steht dieser mit seiner Arbeit nicht allein. Er wird über Jahre hinweg teilweise von mehreren Doktorvätern in seinem Tun begleitet und auch die Uni prüft am Schluss schließlich, ob sie den Doktorgrad für diese Arbeit vergibt. Gilt es nicht auch diese Personen mindestens genauso anzufeinden, wie den vermeintlichen Betrüger?! Nun, in Ihrem Fall weilen die Doktorväter unter Umständen nicht mehr unter uns. Sie könnten sich demnach nicht mehr gegen solche Anschuldigungen wehren, sie hätten grob vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt und das Abschreiben aus anderen Quellen übersehen.

Aber ist es nicht vielmehr so, dass diese Personen in der heutigen Medienwelt vor allem deshalb so uninteressant sind, weil sie nicht, wie Sie, in der Öffentlichkeit stehen!? Es geht gar nicht darum, wer Schuld trägt oder um die Frage, ob ein wissentlich erstelltes Plagiat vorliegt. Sondern es geht um gezielte Demontage einer Person, die in der Öffentlichkeit steht und es geht um Wahlkampftaktik.

Viele Zuschauer vor den flimmernden Fernsehbildschirmen denken dies und einige sprechen es auch im privaten Kreis offen aus. Nur in den Medien schweigt man zu dem Thema vollständig. Weshalb eigentlich? Entspricht es etwa nicht einer vielleicht vorgegebenen Konformität, die in den Medien keiner zugeben will: Das Opfer zur Schlachtbank zu führen – ohne Kompromisse.

Bei Ihrer Klage gegen diese Entscheidung wünsche ich Ihnen viel Kraft und Durchhaltevermögen. Vielleicht hilft es Ihnen an Hannah Arendt zu denken, die für das an ihr geschehene Unrecht einer Universität im Jahr 1933 erst im Jahr 1971 angemessen entschädigt wurde und deren Fall für viele ähnliche Opfer Präzedenzkraft hatte.

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